Was ist das wirkliche Leben?

Vier freie Tage. Das Hamsterrad steht still – für einen Augenblick.
Seit Februar führe ich ein völlig anderes Leben. Neue Arbeit. Umzug. Großstadt. Organisation. Entscheidungen. Verantwortung. Stress. Das Leben, ein Schreiten von Aktion zu Aktion. Ein Sich Verbrauchen und Verbrennen im Augenblick. Bin gefordert. Druck. Leistung. Ich versuche mein bestes.
Das alte Leben in Bozen. Nur mehr Erinnerung. Eine Arbeit, schlecht bezahlt, aber, die sich meinen Bedürfnissen anpasste. Ohne Stress. Aber auch ohne Zukunft. Ein totes Pferd, das ich so lange geritten bin, wie es nur irgend ging.
Nun ist die Arbeit gut bezahlt. Und ich muss eine teurere Wohnung unterhalten. Ich folge den Forderungen. Will mich einfinden. Mich anpassen. Teil werden. Dazugehören. Mich nicht als Fremdkörper empfinden. Kein Platz für Depression. Für Schlafstörungen. Für moderate, melancholische Schuebe. Für Sich-Infragestellen. Erfüllen der Funktion ist oberstes Gebot. Aufgehen in Funktion. Vollkommene Verschmelzung mit der Alltagsvariante meiner Selbst. Auf die ich gerne amüsiert herunterblicke, weil sie doch nur notwendiger Schein ist. Nicht mein Eigentliches. Die tieferliegenden, intellektuellen und entwicklungspsychologisch relevanten Aspekte meiner Persönlichkeit liegen brach. Ich bin ein anderer. Einer derjenigen, der ich nie sein wollte.

„Das wahre Leben findet statt, wenn wir allein sind, denken, fühlen, verloren in Erinnerungen, traeumerisch unserer selbst bewusst, in submikroskopischen Momenten“, schreibt Don De Lillo in einem seiner Romane.
Raum für Kontemplation. Hineinhoeren. Produktive Langeweile. Spüren, dass man Seele ist. Nacht, mein stiller Gefährte, ich vermisse dich. Geborgen. Umschlungen von Sein. Von Existenz berauscht.
Was ich wohl fühlen würde, wenn ich fühlen würde?

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4 Antworten zu Was ist das wirkliche Leben?

  1. hafenmöwe schreibt:

    sehr berührend, was Du schreibst. Mir fällt ganz viel dazu ein, Eine DIN-A4-Seite starrt mich gerade blanken Auges an und wischt mit jedem Lidschlag jedes Wort, dass ich dazu auf ihr schreiben will, ungerührt weg. Vielleicht, weil es gerade zwei Uhr und acht Minuten ist – nachts. Frohe freie Tage und unerwartete Freuden für die Zeit danach wünsche ich Dir.

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    • purpurtraum schreibt:

      Vielen Dank für deinen Kommentar.
      Ja, es sind ganz fundamentale Fragen nach dem Verhältnis von Arbeit und frei verplanbarer Zeit, die aufgeworfen werden.
      Dir auch eine gute Zeit mit vielen Nächten der Inspiration!

      Gefällt 1 Person

  2. Ariana schreibt:

    Fühlst du dich wohl, so wie es jetzt ist? Geht es dir gut….
    Pass auf dich auf. 🙂
    Liebe Grüße Ariana

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