Anmerkungen zu Rilke

Nach längerer Zeit wieder Rilke gelesen. Was mich anzieht an seiner Dichtung ist neben der Musikalität seiner Sprache vor allem der existentielle Ausganspunkt seiner Dichtung.

Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? …

Der Mensch ist zunächst immer der „uneinige“ Mensch. Es ist der Heimatlose. Der sehnende Mensch. Der unverbundene Mensch. Sich selbst und der Welt entfremdet. Ein tiefer Riss geht durch ihn hindurch. Und der lyrische Prozess kann als Versuch verstanden werden, diesen Riss zu überwinden. Am Offensichtlichsten gelingt diese Überwindung durch die Liebe:

Heb mich aus meines Abfalls Finsternissen
in dein Gesicht, das mich so süß erkennt …

oder:

Und dann ist alles wieder still …
Und weißt du was mein Leben will,
hast du es schon verstanden?
Wie eine Welle im Morgenmeer
will es, rauschend und muschelschwer,
an deiner Seele landen.

Darüber hinaus beklagt Rilke die Einschränkung menschlicher Erkenntnisfähigkeit:

„… wir: Zuschauer, immer, überall,
dem allen zugewandt und nie hinaus!

Wir sind vom Ganzen der Welt ausgeschlossen. Sehen „Spiegelungen des Frein‘“. Rilke thematisiert den für unser Erfahrungswelt bestimmenden Dualismus zwischen Außenwelt und Bewusstseinswelt. Das Individuum erfährt die Welt stets als ein „Gegenüber“.

Um den Zustand der Entfremdung, des Unwesentlichen zu verlassen, bedarf es einer Veränderung. Zentraler Begriff seiner späteren Lyrik ist demnach auch die „Verwandlung“.

Nirgend, Geliebte, wird Welt sein, als innen. Unser Leben geht hin mit Verwandlung. Und immer geringer schwindet das Außen.“

Die Verwandlung der Welt in ein Innen. In den „Weltinnenraum“. Das ist nach Rilke die Aufgabe des Dichters. Durch den lyrischen Prozess löst sich die Grenze zwischen Innen und Außen. Der Mensch und die Dinge werden in einen anderen Zusammenhang gebracht. Das Weltinnenraum-Gedicht bringt dies zum Ausdruck:

„…
Duch alle Wesen reicht der eine Raum:
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still
durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.

Ich sorge mich, und in mir wächst das Haus,
Ich hüte mich, und in mir ist die Hut.
Geliebter, der ich wurde: an mir ruht
der schönen Schöpfung Bild und weint sich aus.

Diese Verwandlung kann als Transzendierung verstanden werden. Wobei offen bleibt, ob diese Überschreitung lediglich ästhetischer Natur (Transformierung der Welt in Sprache) ist oder auch metaphysisch gedacht ist. Einige Briefstellen legen dies nahe.

Mir gefällt vor allem dieses „überschreitende“ Element bei Rilke. Schätze daher den späten Rilke auch höher als den Rilke der Ding-Gedichte. Dieses Gedicht aus den „Sonetten an Orpheus“ gehört mir zu den allerliebsten:

Stiller Freund der vielen Fernen, fühle,
wie dein Atem noch den Raum vermehrt.
Im Gebälk der finstern Glockenstühle
lass dich läuten. Das, was an dir zehrt,

wird ein Starkes über dieser Nahrung.
Geh in der Verwandlung aus und ein.
Was ist deine leidendste Erfahrung?
Ist dir Trinken bitter, werde Wein.

Sei in dieser Nacht aus Übermaß
Zauberkraft am Kreuzweg deiner Sinne,
ihrer seltsamen Begegnung Sinn.

Und wenn dich das Irdische vergaß,
zu der stillen Erde sag: Ich rinne.
Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin.“

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3 Antworten zu Anmerkungen zu Rilke

  1. Es freut mich außerordentlich, einen fundierten, wenn auch kurzen Artikel zur Arbeit Rilkes in den Untiefen der Blog-Welt vorzufinden. – Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass mit dem Begriff der Verwandlung bzw. der Anverwandlung eines Außen in ein Innen die zentrale Problematik aufgerufen ist, eine Problematik, die Rilke auf unvergleichliche Weise in seinen Versen zur Durchführung gebracht hat. So ist es tatsächlich der uneinige Mensch, wie es hier zurecht heißt, welcher sich der Welt als gegenüberstehend, geschieden und abgetrennt empfindet und diese Dualität durch Kunst in ihr Gegenteil zu verkehren sucht.

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  2. purpurtraum schreibt:

    Hab‘ vielen Dank für deinen Kommentar!
    Ja, sind nur ein paar Stichpunkte. Die Bezeichnung als Artikel ist sehr schmeichelhaft ;o)

    Schön formuliert mit der Dualität von Ich und den Dingen. Es ist gar nicht leicht die Poetologie Rilkes auf eine kurze Formel zu bringen. Und jede Lebensphase hatte ganz unterschiedliche Gewichtungen.
    Du erinnerst dich sicherlich an deinen Beitrag von vor ein paar Monaten über die Tendenz zur Objektivierung moderner Lyrik. Diesen Anspruch hatte Rilke auch einmal während seiner Zeit in Paris. Aber selbst dieser Versuch den Dingen Sprache zu verleihen kann wiederum als Versuch verstanden werden diese Trennung zwischen Ich und Welt zu überwinden.
    Liebe Grüße!

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  3. Wortman schreibt:

    Ich bin vor Jahren erstmals auf Rilke aufmerksam geworden durch diese CDs vom Rilke Projekt.

    Gefällt 1 Person

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