Brunnengrund des Lebens

Das lange Wochenende in der Toskana war sehr schön. Anfangs machte uns noch der Dauerregen zu schaffen, so dass wir am ersten Tag überhaupt nicht zum Rennradfahren kamen. Stattdessen etwas Kultur: wir besichtigten ein schönes Castello und ich lernte bei der Führung viele interessante Dinge über das Mittelalter und das praktische Leben auf einer Burg. Aber an den folgenden Tagen konnten wir fahren, wenn auch hin und wieder ein Wolkenbruch die Etappen verkürzte. Und so kamen Touren von 80km, 50km und 60km heraus. Also eher wenig, aber dafür war die Regeneration umso angenehmer.
Die Garfagnana ist der nördlichste Teil der Toskana. Die Region zählt zu den regenreichsten in ganz Italien (was ich jetzt aus eigener Erfahrung bestätigen kann). Viele stark bewaldete Hügel reihen sich aneinander. Hier und da ziert ein altes Städtchen einen Hügel. Sehr pittoresk. Im ersten Moment meint man, die Region sei völlig ungeeignet fürs Radfahren, doch bald stellt man fest, dass die Straßen alle eine sehr angenehme Steigung aufweisen und so gut wie kaum befahren sind. So war das Rennradfahren wirklich angenehm und auch meine Form wurde von Tag zu Tag besser.
Da diesmal auch schwächere Rennradfahrer dabei waren, so musste ich nicht hinter hetzen, sondern konnte mein Tempo fahren. Das war psychologisch sehr angenehm. Leider gab es doch Spannungen in der Gruppe zwischen den sehr guten, schnellen Fahrern, die oft warten mussten an Kreuzungen und den langsameren Fahrern. So trennten sich die Gruppen jedes Mal, entweder freiwillig oder unfreiwillig. Das war gruppendynamisch ein kleiner Wermutstropfen auf dem Wochenende. Da prallten offenbar zwei unterschiedliche Vorstellungen von Rennradfahren aufeinander, die nicht kompatibel waren.

Den Rest der Zeit widmeten wir uns dem Essen und der Besichtigung der kleineren Städtchen in der Nähe. Einmal wurde uns sogar ein 7-Gänge-Fisch-Menü aufgetischt. Das Schmausen dauerte von 20.00 bis 0.15Uhr. Verrückt.
Ich habe die Tage sehr genossen. Es war schön immer jemanden um mich zu haben. Nie allein zu sein. Beim Heimkommen war mir klar, dass ich wieder einige Tage brauchen würde, um mich an mein leises, stilles Leben zu gewöhnen. Ich erinnere mich, dass es in der Schulzeit ähnlich war, nach Schullandheimfahrten oder Skilagern: dieses Zurückkommen war immer schwer für mich. Während andere Kinder Heimweh hatten, wusste ich nicht einmal, wie sich das anfühlen könnte. Wie dem auch sei: es kann nicht immer Ferien geben und gerade die Seltenheit dieses Durchbrechens des Alltags macht diese Momente kostbar.

Sonst: Habe mit neuen Büchern begonnen. Die Erzählung „Bartleby, der Schreiber“ von Herman Melville habe ich bereits beendet. Sehr empfehlenswert.
Habe mit Hanns-Josef Ortheils „Die Erfindung des Lebens“ begonnen. Wohl stark autobiografisch. Bin noch mitten in der Beschreibung seiner Kindheit. Stilistisch ein Lesegenuss! Freue mich auf mehr.
Außerdem beginne ich mit Truman Capote’s „Kaltblütig“, weil ich noch nie ein Buch von ihm gelesen habe. Diese Lücke damit schließen möchte.
Außerdem möchte ich vermehrt Lyrik lesen. Durchaus mit dem Hintergedanken mich daran zu schulen. Deshalb lese ich einen Sammelband ausgewählter Rilke-Gedichte und einen Band der österreichischen Dichterin Christine Busta („Der Regenbaum“), deren melancholisch-elegische Sprache mich sehr anspricht. Hier ein paar Zeilen aus „An die Trauer“:

„Dunkle Schwester der Freude,
o wie blüht dir die zarte
Sichel des Monds im Haar!
[…]
Brunnengrund du des Lebens,
schön entsteigt deiner Tiefe
das verborgne Gestirn!

Einmal löst sich der schwere
Mantel dir von den Schultern
und du leuchtest als Güte
wie ein stiller Abend der Welt.“

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