Edgar Allan Poe: Arthur Gordon Pym

Die „Geschichte des Arthur Gordon Pym“ (1837) von Edgar Allan Poe ist auf seine Weise ein monumentales Werk. Anfänglich wähnt man sich in einem Jugendbuch oder Abenteuerroman.
Eine Vielzahl von Ungenauigkeiten und logischen Fehlern der Erzählung vermitteln den Eindruck eines etwas stümperhaft, zu schnell entworfenen oder schlecht redigierten Werks. Hinzu kommt, dass weite Teile des Werks ein Plagiat sind. Fehlende geographische, nautische oder naturkundliche  Kenntnisse übernahm er aus anderen Werken. Ein überbordender Fußnotenapparat weist auf jeden Fehler und jede übernommene Passage hin und liefert gleich das Originalzitat mit. Das hemmt anfänglich den Lesefluss.

Mit der Zeit gewinnt die Handlung jedoch an Fahrt und der Leser wird mit einer atemberaubenden Geschichte belohnt: Der junge, abenteuerlustige Arthur Gordon Pym fährt als blinder Passagier auf einem Walfänger mit. Dem Verdursten nahe, harrt er 11 Tage verborgen zwischen der Fracht im Schiffsbauch aus. Eine Meuterei hinderte seinen Freund Augustus ihn früher aus seiner Lage zu befreien. Arthur hilft bei der Rückeroberung des Schiffes, was auch gelingt. Ein Sturm bringt das Schiff zum Kentern. Nur die leeren Tranfässer im Inneren des Schiffes verhindern das Sinken. Eine der erschütterndsten Szenen ist die vermeintliche Rettung der Schiffbrüchigen, doch das Schiff entpuppt sich beim Näherkommen als Geisterschiff. Hunger und Durst erreichen ein solches Ausmaß, dass die letzten vier Überlebenden beschließen einen aus ihrer Mitte zu töten, um ihn zu essen. Das Los fällt auf einen der  Meuterer (sein Name übrigens Richard Parker, vgl. Yann Martel „Schiffbruch mit Tiger“, der viele Elemente von Pym übernommen hat)
Kurze Zeit später erfolgt die Rettung durch den Segler „Jane Guy“. Auf diesem fährt Pym in die Südpolarregion. Sie entdecken die Inselgruppe Tsalal. Die vermeintlich freundlichen Insulaner entpuppen sich jedoch als ziemlich hinterhältig und töten die Besatzung durch eine Steinlawine. Nur Pym und sein Freund Peters überleben das Unglück und retten sich in einem Kanu. Auf diesem treiben sie weiter südlich ins offene Meer.

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Ill. von A.D. McCormack (New York, ca. 1898). Entnommen der Poe-Ausg. MareBuchVerlag 2007

Die Qualität des Romans besteht in seiner Vielzahl von Bedeutungsebenen. Er ist

– Forschungsbericht (zumindest stellt er sich selbst als authentisch dar)

– Abenteuerroman

– Satire

– phantastische Erzählung

– er enthält biblische Motive

– hat eine politische Lesart (Schwarz und Weiß als hervorstechende Motive, in einem Amerika kurz vor dem Bürgerkrieg)

– oder existentiell-philosophische Lesart (auch als Entwicklungsroman; das Ausgesetztsein des Menschen in einem Meer ohne Hafen, in einer Welt, in der ein Unglück das nächste jagt)

– sowie eine biographische Lesart (psychoanalytische Deutungen bieten sich an, zB. das Eingeschlossensein im Schiffsbauch; Mord und Totschlag, das Morbide, sind bei Poe stark ausgeprägt, vielleicht als Folge des frühen Verlustes seiner Mutter und des Heranwachsens in einer Pflegefamilie)

„Arthur Gordon Pym“ hat viele Autoren stark beeinflusst. Herman Melville, Charles Baudelaire, Jules Verne, Joseph Conrad oder Arno Schmidt.

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