Dem Material gegenüber

Immer ist es dieses In-der-Welt-Sein: ich erschrecke… Mich zu begreifen als ein Wesen, immer dem Material gegenüber, der Zeitlichkeit unterworfen, dem Untergang geweiht… Realismus macht mich frösteln…
Früher dachte ich, dass allein die Tatsache, dass es so etwas wie Existenz gibt, dass da ein Ich ist, das sich Ich nennen kann, dass das heißen muss, dass das Leben gleichsam metaphysisch berechtigt und legitimiert ist. Es war mir lange Zeit unmöglich mir vorzustellen, dass irgendein Leiden unberechtigt ist… Eine Existenz ohne eigene Zustimmung schien mir schlichtweg unannehmbar… Deshalb war mir auch immer der Gedanken an eine Präexistenz vertraut, weil mir nur in der Zustimmung zum So-Sein die Existenz berechtigt erschien… So sehr fürchtete ich mich vor dem Gedanken an die Zufälligkeit allen Seins und meines eigenen Lebens…
Erst wenn mir der Glaube an metaphysische Gültigkeit abhanden kommt, dann beginne ich innerlich zu rebellieren. Was insofern eigentlich bescheuert ist, weil in diesem Denken konsequenterweise ja kein Adressat vorhanden ist… Dann tut sich Widerwille auf, das vorhandene Material anzuerkennen. Dieses existentielle Missgeschick womöglich noch mit gelungenem Leben zu legitimieren… der Mensch in der existentiellen Revolte gegen die Zumutungen der Kontingenz… die Natur, die Geschöpfe verblassen zu Resultaten willkürlicher Kollisionen auf atomarer Ebene… wildgewordene Aminosäureketten, die ein sehr seltsames Tier ausgespuckt haben, mit Sprache und Selbst-Wahrnehmung… das Einzigartige, das Wundervolle, Schönheit, Erhabenheit und Güte entlarven sich als biologistische Falltüren… der Geist ein Produkt der Mechanik des Biologischen… und das Leben ein Absitzen in kreatürlicher Verkleidung…
Und immer das Leiden… warum nur führte die Selektion, die Mechanik des Biologischen zum Leiden?… Außenwahrnehmung, Bewusstsein… Unterscheidung von Innen und Außen erforderte diese Fühlung… Offensichtlich macht es keinen Sinn in einer mechanischen Welt das Leiden weganalysieren zu wollen… oder es auf der Basis einer metaphysischen ‚Hinterwelt‘ rechtfertigbar zu machen… Leiden ist existentielle Prämisse…
Gut möglich, dass meine Weigerung das Material anzuerkennen, das Resultat negativer frühkindlicher Erfahrungen ist… bei anderen beobachte ich einen weitgehend wertfreien Umgang mit Realität… negativ nenne ich meine Erfahrungen nicht etwa, weil ich kein Glück kennengelernt habe, sondern im Gegenteil, weil ich es kennengelernt habe… nur so entsteht ja der Riss… eine Glückserfahrung, die verteidigt werden will, gegen Erfahrungen der Gewalt und des Ausgeliefertseins… und später das Sich-Aufreiben an einer Welt trivialer Alltäglichkeit… deshalb bringe ich das Material in Misskredit… das Sagbare, das sich auf dieses Material bezieht reizt mich wenig… gerne würde ich über das sprechen, was jenseits des Begreifbaren liegt, doch da reichen weder mein Verstand noch meine Sprache hin… und dennoch geht von dort der Reiz aus, der mich streben lässt… die Realität ist das, was da ist… es zu benennen nichts als tautologische Fleißaufgabe… aber der Logik des Nicht-Selektiven nachzuspüren ist eine ständige Verführung… ein Tanz an den Klippen des Verstandes… mit der dummen Hoffnung über das Meer spähen zu wollen…

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