Innerlichkeit

Bei Lukács las ich neulich einen Satz, der mir sehr zu denken gab: „Innerlichkeit entsteht aus der feindlichen Zweiheit von Seele und Welt, aus dem peinvollen Abstand zwischen Psyche und Seele.“
Auch wenn der Satz aus dem Zusammenhang gerissen ist und eigentlich ein Bestandteil seiner Theorie des Romans ist, hat er doch etwas Beklemmendes… Innerlichkeit erscheint vor diesem Hintergrund als eine notgedrungene, ja schlechtere Alternative zu einem an sich gesunden Weltverständnisses und Weltbegreifens, das in der Moderne nur leider nicht mehr möglich scheint.
So ist Innerlichkeit zweierlei: sie ist die Instanz, die das Existieren (Leiden) in der Welt überhaupt erst problematisiert, also den Zwiespalt entstehen lässt, aber sie ist uns auch Zufluchtsstätte vor den Qualen des Äußeren. Ursache des Leidens und Lösung des Leidens zugleich… ewiges Zappeln im Netz der eigenen Innerlichkeit…

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8 Antworten zu Innerlichkeit

  1. hannahbuchholz schreibt:

    Ja, dieser Satz ist beklemmend.
    Ich wüßte gerne, was Lucás meint, wenn er einen (peinvollen) Abstand zwischen Psyche und Seele konstatiert.
    Worin besteht der Unterschied zwischen der Psyche und der Seele?

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  2. purpurtraum schreibt:

    Genau diese Frage habe ich mir vorhin auch gestellt. Den Text aber dann trotzdem so kopiert, auch wenn mich die Gegenüberstellung von Psyche und Seele auch leicht irritiert hat. Ich bin wahrlich kein Experte für Romantheorie und will dir nichts Falsches sagen. Deshalb hier nur ein Vorschlag zum Verständnis:
    Lukács verwendet den Begriff „Seele“ etwas anders als wir ihn gewohnt sind. Für uns ist im modernen Sprachgebrauch Seele und Psyche meistens synonym und bezeichnet das Ich als denkende und wahrnehmende Substanz.
    Bei Lukács ist Seele ein Begriff, der einen Romancharakter gleichsam typologisiert und ihn in ein Verhältnis zur Außenwelt bringt. Er spricht dann davon, dass die Seele zu weit ist oder zu eng für die Außenwelt. Die Psyche ist dann nur ein Teilaspekt des Seelischen, so wie ich ihn verstehe. Das Seelische der Figur beinhaltet alles Innerliche, die Persönlichkeit, das Erlebte, den Intellekt und eben auch seine psychische Verfasstheit. Wenn er davon spricht, dass Seele und Psyche auseinander gehen, dann kennzeichnet er damit Romanfiguren: ein Don Quichotte ist seelisch zu weit für die Außenwelt, ein Geldgieriger in einem Roman von Balzac ist zu eng….

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  3. hannahbuchholz schreibt:

    Hab vielen herzlichen Dank für deine Antwort… !
    Über all dies muß ich erstmal in Ruhe nachdenken – das klingt ja alles ausgesprochen komplex und kompliziert… ! ; ) Außerdem habe ich noch kein Buch von Lucács gelesen… Der oben zitierte Satz wäre sicherlich nicht ganz so beklemmend (und vielleicht dennoch wahr?), wenn das Wort „feindlich“ nicht darin vorkäme.
    Und: gibt es nicht (mindestens!) zwei verschiedene Arten von Innerlichkeit? Diejenige, die den besagten Zwiespalt entstehen läßt, und diejenige, die uns als Zuflucht dienen mag? Dann wäre die Lösung jener Probleme auch nicht in ihrer Ursache zu suchen und zu finden.
    Liebe Grüße!

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  4. purpurtraum schreibt:

    Wahrscheinlich gibt es unzählige Arten Innerlichkeit, je nachdem in welchem Zustand sich unser Bewusstsein gerade befindet.
    Ja, das innerliche Empfinden ist Segen und Fluch zugleich. Dieser Aspekt gefiel mir an dem Zitat. Denn du kennst sicher auch Momente, in denen das Ich ganz zurücktritt und nur reines Erleben da ist. Das ist sehr angenehm… Und auf der anderen Seite ist dieses Innere auch Quelle von Inspiration und Freude, wenn du zB. Gedichte entstehen lässt…. lieben Gruß!

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  5. hannahbuchholz schreibt:

    Ja, ich denke, genau so ist es: Es gibt wahrscheinlich unzählige Arten (von) Innerlichkeit, je nach momentanem Bewußtseinszustand.
    Und ja, auch in diesem Punkt stimme ich dir zu: unser innerliches Empfinden ist Segen und Fluch zugleich. – Aus diesem Thema könnte man auch ein schönes Gedicht machen, jedenfalls ein spannendes!
    Und abermals ja: diese Momente, in denen reines Erleben da ist, die kenne ich natürlich. Das kann sehr angenehm und schön sein, wenn das Erleben positiv ist, es kann aber auch die Hölle sein, wenn das Erleben ein schlimmes Erleben ist. –
    Wenn Letzteres der Fall ist, dann kann es gut und hilfreich sein, wenn die Reflexion ins Spiel kommt, wobei ich meine, daß das Denken oft erst im Nachhinein ins Spiel kommt – aber zumeist gerade noch rechtzeitig, bevor es einem sozusagen die Sicherung raushaut… !
    Liebe Grüße!

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  6. hannahbuchholz schreibt:

    Also, was ich mit meinem letzten Satz meinte, ist, daß das direkte Erleben, die Empfindung, das Gefühl dem Denken vorausgehen und daß das Denken sozusagen nachgelagert und oftmals ein (mehr oder weniger erfolgreicher) Versuch, eine Bemühung, ein Bemühen ist,
    das entsprechende Gefühl einzuordnen, zu benennen, zu rationalisieren und eventuell umzuwandeln in ein anderes Gefühl / in andere Gefühle. – Dies natürlich vor allen Dingen dann, wenn das Erleben kein schönes, sondern ein schmerzhaftes ist. Ich bin nicht sicher, ob ich mich klar ausdrücken konnte, ich habe viel zu wenig geschlafen. Lieben Gruß.

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  7. purpurtraum schreibt:

    Doch, doch, ich kann dir folgen… ;o)
    Stimme dir zu. Ich denke auch, dass unser Denken oftmals eine nachträgliche Umkleidung unseres Fühlens darstellt. Zumindest erlebe ich das an mir ähnlich: Erst ist da das Faktum einer Empfindung und erst danach bauen sich die Gedanken darum herum, die versuchen einzuordnen, zu verstärken oder zu mildern.
    Aber vielleicht ist das auch eine Charaktersache und andere sind vielleicht viel eher in der Lage durch das Denken ein Gefühl gar nicht erst entstehen zu lassen. Wenn ich das versuchen dann kommt es mir so vor als würde ich das Lebendige irgendwie versuchen unter Logik zu begraben. Deshalb auch meine Skepsis gegenüber dem ganzen Positiven Denken… Hoffe du konntest den fehlenden Schlaf gut nachholen. Liebe Grüße!

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  8. hannahbuchholz schreibt:

    Ja, genau! Ich denke auch, daß wir das Lebendige, daß wir unsere Lebendigkeit ersticken und sie (lebendig!) begraben würden, wenn wir unser Denken dazu benutzen würden, unsere Gefühle zu unterdrücken. Ja, es gibt Menschen, die dies tun. Aber wie lebendig sind sie?
    Ich denke, wir müssen genau hinsehen, und wir müssen manchmal tief in unsere Gefühle hineingehen, so schmerzhaft sie auch sein mögen, denn auch dies macht uns lebendig.
    Und je tiefer wir unseren Schmerz empfinden können, desto tiefer und intensiver empfinden wir dann auch die Freude. Sicherlich ist dies auch eine Frage das Charakters – wie auch eine Frage der Ehrlichkeit sich selbst (und anderen) gegenüber.
    Deine Skepsis gegenüber dem soganannten „Positiven Denken“ teile ich. Ich meine, derlei ist ein Humbug, ein Schwindel, eine Geldmacherei. Bestenfalls eine (Auto)suggestion, die aber dauerhaft wohl kaum erfolgreich sein dürfte. Ich habe solche „positiven“ Affirmationen nie ausprobiert, und das würde mir auch zutiefst widerstreben. Es ist schlimm, daß es so viele Scharlatane gibt, die mit solchem Quatsch ihr Geld verdienen…
    Liebe Grüße!

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