Vom Gedächtnispalast zur Wissens-Landkarte

Ich habe die Schule gehasst. Den Leistungsdruck. Die Überforderung. Die Machtlosigkeit. Das Funktionieren-Müssen, um nicht Demütigung zu erfahren.
Erst am Ende meiner schulischen Laufbahn habe ich erfahren dürfen, dass Wissen etwas Wunderbares ist und dass es Lerntechniken gibt, die einem helfen können. Ja, die einem sogar Spaß und Freude bereiten. Innerhalb eines Jahres verwandelte ich mich von einem unterdurchschnittlichen in einen überdurchschnittlichen Schüler. Allein dadurch, dass ich begann mich selbst zu unterrichten.

Das brachte mich zum Buch. Erst da begriff ich, dass es eine Gegenwelt gab. Ich war nicht mehr ganz machtlos. Der materialistischen auf Leistung und Ausbeutung basierenden Vernutzungslogik stand plötzlich in aller Herrlichkeit die Logik des Geistes entgegen. Die Logik des inneren Wachsens, des Wissens und der Weisheit.

Im Laufe der Jahre habe ich viel gelesen. Es reihen sich Ordner an Ordner. Es stapeln sich Skripten und Vorlesungsaufzeichnungen. Ich hatte immer den Anspruch an mich kurze Exzerpte der gelesenen Bücher anzulegen. Es gab Jahre, in denen ich es intensiver verfolgte, und Jahre, in denen es schwieriger für mich war. Was jedoch immer als fixe Idee in mir blieb, das war die Vorstellung, dass ich das Wissen in eine strukturierte Form bringen müsste. Denn wer kennt das nicht? Es kommt im Gespräch das Thema auf ein Buch, dass man selbst einmal gelesen hat, aber da ist dann kaum mehr als ein vages Schlagwort und der Inhalt bzw. der geistige Gehalt des Buches scheinen wie verblasen. So viel Mühe hatte es einst gekostet auch nur ansatzweise zu begreifen, was zB. Husserl für ein philosophisches Anliegen hatte, und wenn es darauf ankommt, dann ist da ein Vakuum in meinem Gehirn.

Viele Strategien habe ich im Laufe der Jahre gegen dieses Erodieren der Wissenssubstanz entworfen. Vages Durchblättern und Überfliegen blieb wirkungslos. Meist waren andere Projekte wichtiger. Es galt voranzukommen und weniger Rückschau zu halten. Eine Lernkartei war für Vokabeln sehr geeignet, aber für andere Wissensbereiche zu aufwendig. Außerdem riss ich dadurch die Dinge aus ihrem logischen Zusammenhang, wenn ich zu sehr versuchte sie zu portionieren. Ähnlich erging es mir mit der sog. ABC-Listen-Technik nach Vera F. Birkenbihl. Schweren Herzens musste ich das aufgeben, weil es für meine Art Wissen schematisieren zu wollen, ungeeignet war.

Als ich im letzten Jahr die sehenswerte „Sherlock“-Fernsehreihe der BBC verfolgte, gab es da die Vorstellung vom „Gedächtnispalast“. Sowohl Sherlock selbst als auch einer seiner Gegenspieler verfügen über die mentale Fähigkeit unendlich viele Informationen im Gedächtnis zu speichern und es bei Bedarf auch abzurufen. Oh ja, genau das wollte ich auch.

Machte mich also ein wenig schlau. Sah das eine oder andere Youtube-Video dazu und machte mich ans Werk. Suchte mir ein sehr niedliches Ferienhaus in Portugal aus dem Internet, mit vielen schönen Bildern und einem Grundriss. Dann begann ich die Räume mit meinem Wissen zu füllen. Packte die Literatur ins Wohnzimmer. Die Geschichte in die Küche. Die Philosophie in den Garten. So arbeitete ich ein paar Monaten nach diesem System. Las ich ein Buch von Thomas Mann, so kam es vor meinem inneren Auge auf die Wohnzimmercouch, wo sich auch schon viele andere Werke der deutschsprachigen Literatur versammelt hatten. War zunächst guter Dinge, doch nach und nach erwies sich auch diese Vorgehensweise als ungeeignet, weil es mir nur ermöglichte zu wissen, welche Bereiche von Wissen es gibt (immerhin). Gab es also auf weiter daran zu bauen.

Als ich in den vergangenen Nächten im „Pym“ von Edgar Allan Poe weiterlas, kam mir die Idee zu einer Landkarte des Wissens. Der „Pym“ ist eine typische Seefahrer-Geschichte mit allen Ingredienzen, von Meuterei, Schiffbruch und Extremsituationen, und eben auch Entdeckungsreise. Ich beneide die Menschen früherer Jahrhunderte darum, dass sie noch etwas entdecken konnten. In das Südpolarmeer zu segeln und nicht zu wissen, ob hinter den Eisbergen noch Inseln kommen oder gar ein Kontinent.

Das brachte mich auf die Idee eine Art von imaginärer Karte meines Wissens anzufertigen. Also weniger ein Gedächtnispalast, sondern ein ganzer Wissensplanet. Mit neuen Kontinenten und Inseln nach meinen Vorstellungen. Machte mir also einen ersten Entwurf. Zunächst skizzierte ich meine Welt: ein großer Kontinent für die Literatur, dann zwei kleinere Kontinente für die Philosophie und die Geschichtswissenschaft. Außen herum ein paar kleinere Inseln für Sprachen, für Theologie, Politik und Sozialwissenschaft, Psychologie, Theologie, Kunst und Film. Dann blätterte ich ein paar Skripten durch und zeichnete „Wissensländer“ ein. Teilweise zufällig, andere wohlbedacht. So gedachte ich die Philosophie nach der Philosophiegeschichte von Nord nach Süd zu strukturieren, und nebenan machte ich Inseln für thematische Felder, wie Ontologie, Metaphysik oder Eudämologie (Glück).

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Das Ziel ist jetzt als nächstes, dass zu jedem Land auf dem Kontinent ein Skript vorliegen sollte, dass ich dann bei Gelegenheit lerne und mittels Bildtechnik abspeichere. Habe das gestern zB. für die Deutsche Innenpolitik von 1871-90 gemacht, die auf dem Geschichtskontinent liegt im Staatenverbund des Deutschen Kaiserreichs. Die Bilder dazu sind dann in dem Fall: ein Geröllfeld (das den Börsencrash von 1873 symbolisiert), ein Weg, der ein U beschreibt (für den Wandel ins Bismarcks Politik, also Abkehr vom Freihandel und Hinwendung zu Schutzzoll), dann kommt ein roter Lavasee (steht für die Sozialistengesetze von 1878) usw. usw. Im Bild der Blick auf den nördlichen Philosophie-Kontinent mit Vorsokratik, Platon, Aristoteles und weiter unten Augustinus, Mittelalter und Scholastik. Das Ganze ist also eine Mischung aus gewöhnlicher Mindmap mit der Loci-Methode (abgelegte Bildvorstellung als Verknüpfung zum Wissensinhalt).

DSC00901

Das ist jetzt erst mal nur ein Entwurf. Die vielen weißen Flächen bedeuten, dass ich noch viel Zeit benötige, um diese Karte zu füllen. Aber die Idee gefällt mir sehr, dass ich dann irgendwann mit einem Blick auf 6 zusammengeklebte DIN-A4-Seiten sehen kann, was an Wissen in mir sein sollte.

Ob das langfristig als System tauglich ist bleibt abzuwarten. Vielleicht hat mir gestern auch nur das Zeichnen so viel Spaß gemacht. Denn Arbeit macht so etwas natürlich auch. Aber wenn es mir gelingt, dass die Arbeit Freude bereitet, dann könnte ich mir dieses „System“ längerfristig vorstellen.

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6 Antworten zu Vom Gedächtnispalast zur Wissens-Landkarte

  1. Ophelia schreibt:

    Oh bei sowas bin ich auch immer schnell dabei!! Den Ansatz finde ich großartig – von den Systemen hab ich bisher noch nichts gehört, aber klingt toll. Ich wäre vermutlich tagelang auch erstmal mit malen beschäftigt und würde darin vollkommen aufgehen.. 🙂 Bliebe fraglich, inwiefern sich das auf lange Sicht lohnen würde 😀 Sehr gern ein Update vom langfristigen Erfolg!

    Gefällt 1 Person

    • purpurtraum schreibt:

      Ja, das mache ich gerne. Hoffe, dass es in zwei oder drei Monaten schon viel bunter ist. Und hoffentlich auch noch übersichtlich. Weil es soll ja gerade kein Chaos mehr herrschen. Wenn es nur neues Chaos produziert, dann taugt es nicht. Ja, bin selbst gespannt, wie ich langfristig damit zurecht komme, und ob es nicht zu viel Arbeit macht…

      Gefällt 2 Personen

  2. Domenic schreibt:

    Guten Abend 🙂
    Ich hab durch die suche nach Projekt Gedächtnispalast deinen Beitrag gefunden. Die stelle mit Sherlock erfreute mich. So konnte der Beitrag nicht sehr alt sein. Schöne Idee die du hier beschrieben hast. Du hast seit dem nichts mehr darüber verfasst, hast du es später aufgegeben? Ich würde mich sehr freuen wenn du ein paar Worte über deinen Versuch schreiben würdest.
    LG Domenic

    Gefällt 1 Person

    • purpurtraum schreibt:

      Danke dir Domenic für deine Nachfrage!
      Das Thema selbst ist nach wie vor ein Dauerthema für mich, auch wenn ich nicht darüber schreibe. So grüble ich doch auch immer wieder über neuen Methoden der Wissensspeicherung. Methoden, die eben ganz individuell für meine Bedürfnisse zugeschnitten sind.

      Wünschte ich könnte dir beschreiben wie toll sich die Karte bewährt hat. Aber das kann ich nicht.
      Positiv an der Wissenskarte ist, dass sie einem einen Überblick darüber geben kann, welche Bereiche des Wissens vorhanden sind. Es macht auch durchaus Spaß nach jedem neuen gelesen Autor das Territorium zu vergrößern, es farblich zu gestalten. Doch unterm Strich habe ich dann in erster Linie eine große bunte Karte.

      Der ursprüngliche Plan, nämlich mir die geistigen Inhalte besser merken zu können, ist eigentlich gescheitert: die Loci-Methode eignet sich ganz gut, um sich einen überschaubaren Bereich zu merken. Einen Bereich, der aus konkreten Dingen besteht, die dann mit einem Bild abgespeichert werden und eine Geschichte ergeben, die dann abrufbar ist. Aber ich bräuchte ja hunderte verschiedener Geschichten. Noch dazu möchte ich eher abstrakte Themen abspeichern. Das würde enormen Aufwand beim entwickeln der Geschichte erfordern.

      Praktisch sieht es bei mir so aus, dass ich alle paar Monate wieder motiviert bin frühere Lerninhalte zu rekapitulieren. Mache das oft per Losverfahren. Dann trage ich wieder neue Autoren und Bücher in der Liste ein, jetzt im Januar zB. Robert Walsers „Geschwister Tanner“ und „Jakob von Gunten“. In den Exzerpten gibt es dafür 44 bzw. 59 Wissenspunkte, die ich auswendig können möchte. Aber wie schaffe ich es jetzt zB. einen Satz wie „Durch Selbstminimierung versucht er Unabhängigkeit zu gewinnen“ in der Karte durch ein Bild festzuhalten? Verfalle dann eben doch immer wieder in plumpes Auswendiglernen durch Wiederholung, und gerade das wollte ich ja durch die Bildgebung vermeiden.

      Mir fehlt ganz einfach auch die Zeit, um die Landkarte zu füllen, weil ich ja auch weiß, dass ich nicht die Zeit habe, um sie mir dann ausgiebig mental einzuprägen.

      Ist schwierig. Die richtige Methodik habe ich für mich noch nicht gefunden. Für Anregungen bin ich dankbar.

      Lg!

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  3. bmh schreibt:

    Dein Vorhaben klingt gut, aber die Umsetzung stelle ich mir doch sehr zeitaufwändig vor. Aber das sagst du ja selbst 🙂

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    • purpurtraum schreibt:

      So ist es. Strukturschaffen kostet enorm viel Zeit. Die Dinge bleibend machen geht nur über Rekapitulation, doch will man im Augenblick oft genau das Gegenteil, ist froh endlich fertig zu sein mit einem Buch.
      Aber immerhin gibt es die Karte noch und alle halbe Jahre fällt es mich an, und ich male darin herum, füge den ein oder anderen Autoren hinzu und ergänze aus alten Skripten. (Wie letztes Wochenende).
      Das Dilemma ist auch: je mehr ich hineinschreibe desto unübersichtlicher wird es. Gerade die Unvollständigkeit macht es noch übersichtlich. Und wahrscheinlich wird mir irgendwann eine bessere Methode einfallen und ich fange wieder von vorne an.
      Liebe Grüße!

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