Schlafen und Wachsein

Wieder stehe ich vor dem Tor zum Schlaf und weigere mich hindurch zu schreiten. In den letzten Wochen schaffe ich es morgens auch nicht aus dem Bett. Fühle mich geborgen unter der wärmenden Decke und hänge den Träumen hinterher, die ich so gerne wieder einfangen möchte und es doch nicht kann… Diese letzten Reste von Traum sind mir wie Verheißungen auf Glück. Beinahe wie ein Bild in einem zerbrochenen Spiegel, in dessen Scherben ich die Ganzheit des Entwurfs lesen möchte und doch nicht kann…

Draußen wird es wärmer. Die Tage haben mehr Licht. Nur meiner Seele tut das nicht gut. Die will nicht ein Blühen und Erwachen gewahren. Sie würde lieber ausruhen. Traurige Lieder von Eva Cassidy hören. Schlafen. Kräfte sammeln. Um dann wieder zu erstehen und Freude und Hoffnung und Liebe zu spüren.

Fühlen ist gefährlich. Es ist als ob etwas fehlte. Etwas Schützendes. Den Menschen zu begegnen ist schwer, weil ich weiß, dass ich nicht so empathisch sein kann wie es mein Anspruch an mich ist. Ich stehe nicht auf sicherem Grund. Unter dem Lächeln einer jungen Frau liege ich wie begraben. Weil sie kann ja nicht sehen, dass mir die Welt verloren geht, dass mein Ich irgendwo sonst ist, und nur die Hülle noch eine rhythmische Monotonie vorgaukelt.

Täglich dieselben Wege, dieselben Menschen. Alle geschäftig, beredt und sicher in ihrem Kokon aus Welt und Vorstellung. Der sie schützt vor dem eisigen Wind der Existenz. Für mich hat sich dieser Kokon nie geschlossen. Für mich hat sich Existieren nie wie die Norm angefühlt. Immer war da ein Wundern, schon als Kind. Später dann eine Bestürzung, darüber dass es so viel Trostlosigkeit inmitten dieser Herrlichkeit gibt.

Vielleicht liegt das Grundübel der letzten Wochen darin, dass ich wach bin, wenn ich schlafen müsste, und dass ich schlafe, wenn ich wach sein müsste. Meine Seele läuft nicht synchron mit Außenwelt. Ich habe mich verirrt im Dickicht der Stunden des Tages und finde keinen Ausweg. An Schlaf ist nicht zu denken. Aber mir fehlt auch die Konzentrationsfähigkeit, um in meinen Büchern weiterzulesen. Die ziellose Sehnsucht hält wach, aber sie lässt einen zugleich wünschen, es nicht zu sein…

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Seelisches abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Antworten zu Schlafen und Wachsein

  1. hannahbuchholz schreibt:

    Oh, wie gut ich das alles kenne… !
    Ja, den Menschen zu begegnen ist anstrengend und ermüdend und schwierig, wenn es einem so geht!
    Allerdings darf man nicht vergessen, daß auch die meisten anderen nicht so sicher in ihren Kokon eingesponnen sind,
    wie sie zu sein scheinen. Der eisige Wind der Existenz durchdringt fast jeden Kokon – nicht permanent, aber immer wieder!
    Inzwischen kenne ich fast niemanden mehr, der nicht wüßte, wie sich eine Depression anfühlt.
    Im Laufe des Lebens erwischt es fast alle, so kommt es mir jedenfalls vor.
    Und ja, der Frühling kann dann schlimm sein! Alles grünt und blüht und es kommt einem so vor,
    als wären alle anderen „gut drauf“. Das stimmt aber nicht, dieser Eindruck täuscht. Es gibt auch noch andere,
    die wachen, wenn sie schlafen sollten und die dann die Tage verschlafen.
    Ob das ein Trost ist weiß ich nicht. Ich hoffe es aber. Ich kann nur sagen: ja, manchmal darf und muß man sich eine Pause zugestehen.
    Und es durchstehen. Durchhalten. Es hält nicht ewig an!
    Liebe Grüße, Hannah

    Gefällt 1 Person

    • purpurtraum schreibt:

      Da gebe ich dir recht. Kenne auch sehr viele, die durch depressive Phasen gehen, denen es zu viel wird oder die sich Medikamente verschreiben lassen, um weiter funktionieren zu können.
      Ich meinte das Geschriebene auch auch eher im philosophischen Sinn: eine Beunruhigung über das Sein schlechthin, und nicht „nur“ das Bestehen von Krisen. Die hat jeder (und nicht zu knapp).
      Gelungen und schön sieht dein Buch aus. Bekommst sicher viele positive Rückmeldungen. Glückwunsch und liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

  2. hannahbuchholz schreibt:

    Und ich möchte noch ergänzen, daß Du diesen Zustand sehr schön und treffend in Worte gefaßt hast!
    Weiterschreiben…!

    Gefällt 1 Person

  3. hannahbuchholz schreibt:

    Herzlichen Dank und liebe Grüße zurück zu dir… !

    Gefällt 1 Person

  4. fifteenfeet schreibt:

    „…Unter dem Lächeln einer jungen Frau liege ich wie begraben. Weil sie kann ja nicht sehen, dass mir die Welt verloren geht, dass mein Ich irgendwo sonst ist, und nur die Hülle noch eine rhythmische Monotonie vorgaukelt…“

    So schön du das auch in Worte gefasst hast, lieber purpurtraum, so falsch gehen sie ihren Weg.
    Du liegst weder unter ihrem Lächeln begraben – du hast dich da nur für eine Weile hingelegt – noch ist es wichtig, ob sie sehen kann oder auch nicht, dass dir die Welt verloren geht. Sie geht jetzt ihren Weg, du den deinen.
    Liebe kann man zwar herbeisehnen, aber nicht herbeireden oder erzwingen. Manchmal passt es einfach nicht. Das ist traurig. Und schmerzhaft. Aber niemals darf man sich selbst dabei aufgeben, und du bist auf bestem Wege dazu.
    Du liegst momentan am Boden, okay, das darf mal sein, aber am nächsten Morgen muss man sich wieder aufraffen. Man MUSS! (Auch wenn ich Müssen hasse.) Man muss sich zwingen, den Kopf hochzubekommen, die Nase in die Luft zu strecken, nach draußen zu gehen, die frische Luft einzuatmen und dem (Alltags-)Leben wieder gegenübertreten.

    Fallen ist okay. Aber dann MUSS man aufstehn – und weitergehen.
    Wieso machst du dein Wohlergehen vom Tun oder Lassen anderer Menschen abhängig? Ich weiß schon, leiden lässt einen spüren, dass man lebt. Aber du machst dich selbst klein. Das hast du nicht nötig.
    Wenn du jetzt nicht -sozusagen- die Arschbacken zusammenklemmst und dich wieder aufraffst ins Leben, wirst du an einer verlorenen Liebe zerbrechen. Willst du das?!?!

    Geh raus… lass dir die Frühlingsluft um die Nase wehen, steig auf einen Berg und genieße die Farben, Düfte und Klänge. Liebe die Momente…

    Ich denk an dich.

    Gefällt 1 Person

    • purpurtraum schreibt:

      Danke für deinen Kommentar!
      Von Sich-Aufgeben kann keine Rede sein. Ich versuche die Verletzung zu verarbeiten, für mich einzuordnen. Das Schreiben hilft meistens. Klingt oftmals traurig, ist aber Verarbeitung. Je trauriger und verzweifelter, umso besser. Weil ich dann loslassen kann, wenn es ausgedrückt ist…
      Es „muss“ auch nichts. Das ist ja einer der wenigen Vorteile der Einsamkeit und des Alleinseins. Ein Scheitern würde keinem weh tun. In gewisser Weise fühle ich mich jetzt wieder näher bei mir selbst.
      Natürlich ist Wohlergehen von anderen abhängig. Besonders dann wenn Zuneigung entzogen wird oder abkühlt. Ich fühle mich verletzt. Frühere Gefühle von Vollständigkeit haben sich als Illusion erwiesen. Ich fühle mich gekränkt, weil ich merke wie gleichgültig ich jemand anderem bin. Das tut weh und es wäre seltsam wenn es nicht so wäre. Das ist eine Wunde, die Zeit braucht…
      Wohlergehen und Zufriedenheit im Leben haben mit einem Gefühl von Sich-Ganz-Fühlen zu tun. Das ist etwas woran ich mein ganzes Leben arbeite. Im Augenblick aus nachvollziehbaren Gründen erschüttert.
      Natürlich werde ich auch bald wieder rausgehen und Ganzheitserfahrungen in der Natur suchen, und die Genussfähigkeit und die Fröhlichkeit werden zurückkommen..
      liebe Grüße!

      P.S. Das „Lächeln der jungen Frau“ war auch nur die Bedienung dort, wo ich immer zu Mittag esse. Sie war 3 Monate weg und sah mich so freundlich an und erwartete, dass ich sie freudig begrüße, mich vielleicht erkundige, wo sie gewesen ist, aber das konnte ich nicht.

      Gefällt 1 Person

    • fifteenfeet schreibt:

      Okay. 🙂 Wenn es der Verarbeitung dient, dann bin ich beruhigt, denn es klang schon sehr schwarz.

      Natürlich ist man verletzt, wenn einem die Aufmerksamkeit entzogen wird, noch schlimmer, wenn das Interesse einfach weg ist. Aber jede Wunde heilt – man muss nur daran glauben… ;o)
      Vielleicht schaffst du es ja, die junge Frau ein anderes Mal danach zu fragen, wo sie denn war.
      Interessiert es dich denn?

      Gefällt 1 Person

  5. purpurtraum schreibt:

    Klar interessiert es mich, aber es ist auch nicht wichtig. Vermutlich eine Fort- oder Weiterbildung. Wird sich irgendwann ergeben, dass sie sich mitteilt…

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s