Niedergeschlagenheit

Seit einigen Tagen wieder tiefe Niedergeschlagenheit. Ich fühle dich so fern. Fühle deine Abwesenheit wie einen kalten Schmerz. Wie leerer Raum in einem dunklen Zimmer. Es raubt mir meine Kraft und meine Begeisterung. Ich selbst werde leer. Meine Worte an dich von grausamer Kargheit. Da ist es wieder: ich kippe in das Nicht-Identische. Falle aus mir heraus, falle heraus aus der angenehmen Behaglichkeit, die mir deine Zuneigung verleiht. Und selbst zu wissen, dass es wieder reichere Stunden geben wird, befreit mich nicht… Lebe wie in einer Verhexung. Bin wie gebannt. Und verlange nach deinen magischen Worten. Immer noch das Kind, das leidet, wenn Liebe nicht beständig aktualisiert und kommuniziert wird. Es ist traurig.

Lese vorhin zufällig diese Zeilen Hölderlins. Sehe mein Grundgefühl der Schwere darin gespiegelt, die sich abhebt von deiner Leichtigkeit:
„[…] gleich dem Gewölke dort
Vor dem friedlichen Mond, geh ich dahin, und du
Ruhst und glänzest in deiner
Schöne wieder, du süßes Licht!“ (Friedrich Hölderlin: Abbitte, 2. Strophe)

Am Nachmittag vom Tod Roger Willemsen erfahren. Hat mich mitgenommen, obwohl ich versuche es nicht zu nahe an mich rankommen zu lassen. Er wird mir fehlen, so wie er mir schon das letzte halbe Jahr gefehlt hat und ich immer gehofft hatte ihn bald wieder in einer der Talkshows zu sehen. Ihn hätte ich mir so wunderbar als 90jährigen, weisen, alten Mann vorstellen mögen.
Ich mochte ihn. Seine Rhetorik war ein Genuss. Mir fällt ihm Augenblick niemand ein, der diese Lücke schließen könnte. (Allenfalls Eugen Drewermann redet ähnlich brilliant, aber er hat zugegeben ein paar Defizite in punkto Humor). Ich mochte seine aphoristischen Bücher sehr gerne. Mochte seine Sprache. Seinen Witz. Seine Schärfe der Beobachtung, dabei strahlte er immer auch Warmherzigkeit aus, was nur sehr wenigen Intellektuellen gegeben ist. Und natürlich fühlte ich mich ihm nahe, weil ihn die gebrochenen Persönlichkeiten interessierten. Sein Blick richtete sich gerne auf das Abgründige und auf Menschen, denen die Normalität verlustig gegangen ist, die das Funktionieren verlernt haben.

In jedem Leben kommt der Augenblick, in dem die Zeit einen anderen Weg geht als man selbst. Es ist der Moment, in dem man aufhört, Zeitgenosse zu sein. Man lässt die Mitwelt ziehen.“ (Aus: Roger Willemsen: Der Knacks)

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