Lenz oder über die Notwendigkeit von Illusion

Georg Büchner beschreibt in „Lenz“ die fortschreitende Geisteskrankheit des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-94). Ihm verschwimmen Realität und Traum, Ich und Du. Phasen der Raserei wechseln mit Phasen apathischer Leere.
„Lenz“ ist auch die Erzählung eines intellektuellen Scheiterns. In einem Streitgespräch in der Mitte der Erzählung legt Büchner Lenz sein kunsttheoretisches Konzept eines radikalen Realismus in den Mund („Fundamentalrealismus“, nach Jochen Schmidt). Es gehe in der Literatur nicht mehr darum schöne, idealistische Konzepte zu vertreten, sondern Literatur müsse sich an der Realität orientieren und diese abbilden: „Ich verlange in allem – Leben, Möglichkeit des Daseins, und dann ist’s gut; wir haben dann nicht zu fragen, ob es schön, ob es häßlich ist. Das Gefühl, daß, was geschaffen sei, Leben habe, stehe über diesen beiden und sei das einzige Kriterium in Kunstsachen.“
Nicht zufällig entledigt sich Lenz ebenso christlicher Glaubensvorstellungen. Der Tod eines jungen Mädchens und die dadurch gefühlte Ohnmacht, steigert seinen Wahnsinn: „Lenz musste laut lachen, und mit dem Lachen griff der Atheismus in ihn und fasste ihn ganz sicher und ruhig und fest.“

Wenn vorgegebene Sinngebungskonzepte hinterfragt und schließlich aufgegeben werden, tritt der Mensch ins Wagnis des Offenen. Wenn das Denken zu forsch geworden ist, und es den dünnen zivilisatorisch-kulturellen Lack abgekratzt hat, dann offenbart sich ihm die Dimension des existentiellen Chaos. Schizophrenie und Wahnsinn sind dann vergebliche Bemühungen einer Wiederherstellung von Ganzheit. Das Individuum erträgt sich nicht als vereinzelt und losgelöst in einem Universum der Leere und der metaphysischen Heimatlosigkeit. Und der erfahrene Zerfall der Außenwelt spiegelt sich im Zerfall des Ichs.

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