Melancholie und Sehnsucht

Schon wieder ein heißer, sonniger Tag mit Temperaturen über 36 Grad. Seit fünf Tagen schon sind die Jalousien heruntergelassen. Die Fenster zu öffnen, auch des Nachts, wäre fatal und würde die Wohnung noch mehr aufheizen.

Doch trotzdem mag ich diese heißen Tage sehr. Sie sind in gewisser Weise wie ein sportlicher Wettkampf, aus dem ich Befriedigung ziehe. Außerdem wirken die Tage wie eine Ausnahmesituation und bleiben dadurch intensiver in der Erinnerung haften. Vielleicht ist es auch dies: eine Dankbarkeit für Intensität.

Die Arbeit war mühsam. Der Kopf arbeitet nicht gut. Als würde der Körper überall sonst seine Energien verbrauchen und das Gehirn nur mehr auf Sparflamme halten.

Abends vermeide ich es den Fernseher anzuschalten. Bin ganz froht, dass das Schweizer Fernsehen die Dritte Staffel von „Downton Abbey“ ausstrahlt, mir aber noch die zweite fehlt.

So verbringe ich Zeit mit Lesen. Den Uwe Johnson lege ich nach 15min entnervt wieder zur Seite. „Die Mutmaßungen über Jakob“ wahrhaft ein sprachliches Ungetüm. Langatmig umständlich. Beinahe unlesbar. Ich kann dem Buch überhaupt gar nichts abgewinnen und frage mich, und wundere mich über das hohe Ansehen, das es unter Literaturwissenschaftlern genießt.

Mehr Freude macht mir Wilhelm Genazinos „Ein Regenschirm für diesen Tag“: Eleganz, Witz, Leichtigkeit und Intellekt wunderbar vereint. Ein Lesegenuss. Und er schafft es so etwas wie melancholische Heiterkeit zu verbreiten oder heitere Melancholie. Ein Held, der nur mal eben seine ganze „Tagesverdammnis ausdrücken möchte“, um dann „weiterzuleben“. Ein Held, dessen Lebensgefühl seit seiner Jugend ist „nicht genehmigt zu sein“ in der Welt: „Diese Empfindung verbindet sich dann mit einem Gefühl, das ich so oft habe: Dass ich ohne meine innere Genehmigung auf der Welt bin. Genaugenommen warte ich noch immer darauf, dass mich jemand fragt, ob ich hier sein möchte. Ich stelle es mir schön vor, wenn ich, sagen wir: heute Nachmittag diese Genehmigung erteilen könnte. Dabei spielt keine Rolle, dass ich gar nicht weiß, wer es eigentlich sein soll, der diese Genehmigung bei mir einholt.“

Die Welt, die beständig einen Kampf fordert, und wer ihn nicht bereit ist anzunehmen, der bezahlt dafür mit dem Preis der Melancholie. Ob die Melancholie nicht auch eine Trauer darüber ist, dass das Leben vermeintlich woanders stattfindet? Gärungen des Ungelebten. Aufwallende Gefühle, die keinen Abnehmer mehr finden können. In einer Welt, in der der Bezug zu den Menschen verlorengegangen ist. Und ist die Melancholie nicht vielleicht nur eine Sehnsucht in anderer Gestalt? Denn die Sehnsucht hat ein konkretes Ziel. Ein Sehnen ist ein mentales Hin-zu-etwas. Und wie die Motte unablässig zum Licht fliegt, so ist das Sehnen auf das Objekt der Sehnsucht gerichtet. Die Melancholie hingegen kennt nicht diesen Einbruch des Konkreten. Sie ist ihrem Wesen nach flüchtiger. Hat gar etwas Traumartiges. Ist ein Eingebettetsein in einen Zustand. Ein Fluidum, das umgibt, nicht ein Stachel, der schmerzt.

Das sind Fragen, auf die mich Genazino beim Lesen bringt. Lese ich Johnson, dann ist die einzige Frage die ich mir stelle, wie das nur jemals als Kunstwerk durchgehen konnte und vor allem, was das für arme Schüler sein müssen, die das als Klassenlektüre vorgesetzt bekommen.

Von Literatur verlange ich, dass sie mich tief hinab ins Bewusstsein meiner Existenz stürzt. Ich verlange die Entzündung am Wort. Den Flächenbrand des Geistigen. Den Triumph des Geistes über die Seichtheit eines alltagsversuchten Daseins.

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