Der Tag im Spiegel der Nacht

Lange geschlafen. Immer wieder aufgewacht. Weitergeschlafen.
Traum: stieg in ein selbstgebautes Fluggerät, das ich mit einer Kurbel anwerfen musste. Konnte nur fliegen, wenn ich Gegenwind hatte und begann schon während des Träumens den Traum zu deuten. Der Wind hatte auch einen speziellen Namen, den ich mir im Traum merkte um ihn später googeln zu können. Habe den Namen noch beim Aufstehen so präsent gehabt, dass ich ihn mir nicht einmal notiert habe. Jetzt hab‘ ich ihn vergessen…

Stolperte gegen 13.10 Uhr in die Arbeit, und war froh die nächsten Stunden allein arbeiten zu dürfen ohne den ganzen Betrieb und die Unruhe, die am Vormittag so oft herrschen. Nur die Putzfrau, die mich am Freitag immer aufscheucht, weil sie Boden wischt und auch über Tisch und Bildschirm fährt. Danach riecht es noch eine Stunde lang nach schmutzigem Putzlumpen.

Dachte viel an den Tod. Und dass es eigentlich keine Tröstungen gibt angesichts der Tatsache irgendwann auch selbst ausgelöscht zu sein. Dass es irgendwann alles ohne mich geben wird. Fußball. Politische Entwicklungen. Geschichte. Große Werke. Der Gedanke wird erträglicher wenn ich 2.000 oder 10.000 Jahre weiterdenke. Wenn man sich klarmacht, dass wir für andere ja auch „nur“ Neandertaler darstellen. Aber wirklich besser ist der Gedanke eigentlich auch nicht. Macht mir ebenso traurig. Jetzt gerade diesen Ausschnitt von Zeitlichkeit sehen zu können. Ich. Allein. Wie mit einer kleinen Taschenlampe in dem dunkelsten Wald, den man sich nur vorstellen kann.

Um 18.40 Uhr brach ich auf und radelte heim. Vergaß leider den Dallago mitzunehmen, den ich gerne gelesen hätte am Wochenende. Daheim, noch immer nichts gegessen, außer einem kleinen Brötchen zum Macchiato. Leer und voll zugleich. Verschlossen und überquellend. Auch froh, dass die Kopfschmerzen heute nicht so schlimm sind wie den Rest der Woche über. Mein Wille ist da, etwas zu lesen, etwas zu leisten. Mich zu erfahren an Welt.

Spielte ein bisschen ohne große Lust mit dem Fußball Manager, während nebenbei auf Italia 2 „Big Bang Theory“ läuft. Knipste die Sprache auf Englisch und stelle mit Genugtuung fest, dass mir eigentlich kein Wort, keine Pointe entgeht. Bazinga – nein wirklich im Ernst… Sehe noch die „Heute show“. Ein bisschen arg bemüht um eine angemessene Form Putin/Russland als Feindbild zu erhalten. Der Beitrag zur Mietpreisbremse verursachte mir noch länger Magenschmerzen. Sozialer Wohnungsbau – tja, so einfach wäre es… aber sind wir ehrlich, wichtiger ist das Vermögen, das nach Anlage schreit, und wo kämen wir hin, wenn man seinen Reichtum nicht mehr vergrößern kann. Ob man als Höhlenmensch schon Miete zahlen musste?

Lese dann Murakamis „Die unendliche Bibliothek“ in einem Zug durch. Dauert nur 40min. Ein schönes Märchen. Etwas, was man noch lange mit sich tragen kann, und sich dabei überlegt, wie das denn nun alles allegorisch richtig einzuordnen ist. Was ist Realität, was Phantasie. Ist es die Existenz als Schriftsteller, die Murakami hier mit der Existenz unter der Bibliothek angekettet in einem dunklen Verließ, gleichsetzt. Wo diese herrlichen Gestalten erstehen wie der Schafsmann oder das stumme Mädchen, das einem das Essen bringt. Ist das Glück in diesen Momenten der Entgrenzung, in denen diese geisterhaften Wesen um einen sind nicht viel höher, als in der Realität. In der Realität, wo das ist, was weh tut, frei nach Sibylle Berg. In der Realität, wo die Unterworfenheit unter die Zeit lauert, damit der sichere Tod. Der Schmerz. Ohne Entkommen.

Las dann weiter in Herrndorfs „Arbeit und Struktur“. Wundervolle Lektüre. Kann ich kaum aus der Hand legen. Und so sehr erinnert er mich an mich selbst, dass es jetzt sogar zum längsten Blogeintrag seit einer Ewigkeit reicht. Sehe in ihm, das was ich mal sein wollte. Und diese Übereinstimmung im Urteilen ist so großartig. Seit langem wieder die Befriedigung, das zu lesen, was man selber gerne schreiben würde können. Dazu dieser Humor. Lachte Tränen bei seiner Beschreibung von Kehlmann: „Wenn es ein Gegenteil von Aura gibt, schwebt es strahlend um Kehlmann herum.“ Aber unweigerlich auch die dunklen Gedanken. Die ja immer da sind, und deshalb auch diese Lektüre, vor der mich Leo und Thomas gewarnt hatten („ist nicht leicht“ bzw. „boah, das ist natürlich…“).

An Schlaf ist nicht zu denken. Völlig überdreht. Zappe noch durchs Programm: „Accross the universe“ läuft auf Cielo. Ein Film mit gefühlten 749 Beatles-Cover-Versionen. Schön und auch irgendwie anstrengend zugleich. Dieses in die Länge ziehen und Herumeiern mit der Stimme, wie man es in diesen Showformaten DSDS oder The voice of pop oder wie die alle so heißen) ständig sieht. Diese Künstlichkeit. Vordergründig soll es Beherrschung und Ausdrucksvariabilität vorgaukeln, zeugt aber nur von der inneren Abspaltung bzw. Entfremdung des Wesens der Musik. Kann man sich ABBA als Rap vorstellen. Charpentier gejazzt? Außerdem bilden sich bei jedem Beatles-Song innere Bilder, die so stark wurden, dass ich der Handlung schon nicht mehr folgen konnte, und das will schon was heißen. Weiß noch, es war sogar Thomas, der mir die Beatles irgendwann im Jahr 1986 auf Kassette mitbrachte. Und er musste für mich noch viele Kassetten überspielen. Bei „From me to you“ war ich sofort im Sommerurlaub in Zadar (CRO). Abnorme Hitze in einem fremden Land. Meine Mutter mich jeden Abend nach Zecken absuchend. Oder „Let it be“: eine Schlummerpartie. Schieber getanzt mit einer adretten Blondine, an deren Vornamen ich mich nicht mehr erinnere. Mit Nachnamen hieß sie Hauser. Bei jedem Lied hat sich in meinem Hirn eine Bahn eingebrannt, die unweigerlich anspringt.

Und ich denke an die vielen Lieder, die so wichtig waren in meinem Leben. Die schon beim ersten Mal auf eine Revolution hingewiesen haben, die mir etwas gaben, von dem ich wusste, dass jetzt alles anders werden wird. Mein erster musikalischer Eindruck, an den ich mich überhaupt erinnere ist Charpentiers „Te Deum“, den meisten wohl besser bekannt als die Eurovisions-Melodie, die immer vor den Samstagsabendshows von ARD oder ZDF gespielt wurden, bevor dann Kuhlenkampff, Fuchsberger oder Carrell viel redeten und gestikulierten. Die Melodie von früher aber noch war noch länger und viel besser als dieser kurze Abklatsch, der wohl heute noch hin und wieder erklingt. Erinnere mich noch an eine Großfamilie, Opa, Oma, Onkel, Tanten, dazu noch vereinzelte Hausgäste, alle saßen vor diesem Schwarz-Weiß-Gerät, und alle Ängste und frühkindlichen Gemeinheiten waren an diesem Abend und mit dieser Melodie vergessen. Das war Glück. Als Kind hat mich dann die Neue Deutsche Welle voll erfasst. Mein bewusstes Zeit- also: Kalendererleben setzte mit einem Auftritt von Nenas „Nur geträumt“ ein. Dann die Lieder, die ich erst sehr spät entdeckte. Simon & Garfunkel erschlossen mir ein neues Universum. Eine Form der Sensibilität und Melancholie, die ich vorher nicht kannte. Oder dann der Sommer 1990, als ich zum ersten Mal „Transmetropolian“ von den Pogues hörte. Markiert auch irgendwie ein Ende, weil mich von da an, die Hitparade nicht mehr interessierte. Etwas von Selbstaufgabe schlich sich in meinen Musikgeschmack. Nirvana, Pavlovs Dog, Depeche Mode. Die Haare wurden immer länger. Wie überhaupt in den 90ern gegenläufige Tendenzen meines Wesen aneinander gerieten. Da war eine Lebensmüdigkeit, der Wunsch nach Auflösung, nach Rausch, aber auf der anderen Seite begann ich auch mit einem äußerst disziplinierten Leben. Ich nutzte jede freie Minute, um zu lesen und wenn der Kopf nicht mehr mitmachte, dann machte ich mein Lauftraining, nach einem festen Plan. Stetige Steigerungen von Jahr zu Jahr inbegriffen. Als ich später mein Geburtshoroskop mal sah, entdeckte ich, dass Neptun und Merkur direkt auf meiner Sonne liegen. Mein Wesen ist ein beständiger Formverlust, der analysiert wird bzw. ist eine Vernunft, die sich permanent in Frage stellt und von sich selbst erlöst werden möchte.

Ich zappe weiter. Auf RAI 4 läuft wieder erste Staffel von „Continuum“. Kenne ich schon. Erste Folgen gut. Alles mit Zeitreisen find‘ ich klasse. Bloß irgendwas an der Serie hat mich dann so zurückgelassen, dass es mich überhaupt nicht mehr interessiert hat wie es weitergeht. Gelangt die adrette Polizistin zurück ins Jahr 2077 oder nur die ausgebüchsten Verbrecher? Eine Serie, die an der Bindung an der Charaktere gescheitert ist. Unvorstellbar etwa bei „Lost“ nicht zu wissen, wer es von der Insel geschafft hat und wer nicht, oder bei „Heroes“ nicht zu wissen wie es mit Claire Bennett weiter gegangen ist. Von Mr. White in „Breaking Bad“ ganz zu schweigen…

Das Schlafen macht mir heute Angst. Der Übergang von Wach zu Schlaf. Der Übergang von Merkur zu Neptun. Nicht zu leisten sich dem anderen Element anzuvertrauen. Auch Angst, weil morgen vielleicht wieder Trägheit und Kopfschmerzen. Grundkonstante in meinem Leben: Je mehr ich nach Apollinischem heische, desto mehr bricht Dionysisches hervor. Etwas in mir hasst die eingefahrene Schiene, hasst die Routine, wird verrückt an Alltag. Immer wieder muss Alltag zerbrochen werden. Indem ich verschlafe etwa. Was ja eigentlich kein Verschlafen ist, sondern eine Weigerung. Es ist die Revolte des Menschen in mir mit seinen Anlagen, die dem Geist kapitalistischer Verwertungsabsichten widersprechen. Es ist die Revolte des Geistes. Die Revolte der Sinnbestimmung gegen den „gesunden Menschenverstand“. In mir mordet der Bohemien täglich den Bourgois. Die Bürgerlichkeit ist ohnehin nur ein Seiltanz für mich. Im Bewusstsein eigentlich nicht daran teilhaben zu können, weil ich die Grundaxiome permanent in Frage stellen muss. Was für andere fester Untergrund ist für mich nicht tragfähig. Anpassung an das Faktische im Außen, bedeutet für mich immer auch Selbstverrat und Verlust persönlicher Sinnhaftigkeit. Deshalb auch immer dieses Kokettieren mit dem Scheitern. Im Scheitern ist man ganz bei sich und die Anstrengungen und Mühen des Seiltanzens sind dann fort.

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