Betrachtungen zur Fußball WM: soziologisch und individual-psychologisch

Die vier Wochen Fußball-WM waren gut. Haben mir Struktur gegeben für den Tag; eine Freude, die jeden Abend bevorstand, auf die hin es sich zu warten lohnte. Ich merke wie mir der Fußball fehlt und zugleich fühlt sich das töricht an.

Schon eigenartig welch‘ eine Funktion dem Fußball für den ‚modernen‘ Menschen zukommt. Was früher noch der Heiligenkalender und daran gebundenen  Feierlichkeiten des Dorfes waren, das sind heute diese ritualisierten, sportlichen Großveranstaltungen. Hier darf hemmungslos gejubelt und gegrölt werden, hier dürfen Affekte abreagiert werden und es dürfen Tränen fließen. Selbst die wirtschaftliche Verwertbarkeit des Individuums durch den Arbeitsprozess scheint vorübergehend nur mehr an zweiter Stelle zu stehen. Die Grenzen von Herr und Knecht verschwimmen für kurze Zeit. Ein anderer Rhythmus wird tragend für das Ich, und indem er dem (scheinbar so wichtigen sporthistorischen) Ereignis beiwohnt erlebt er sich als größer, als mächtiger und im Zentrum stehend. Der Ablauf der Dinge ist ein freudiger. Das Spiel (der Sport) ermöglicht symbolisch das Ausleben eines Tuns abseits des ökonomischen-individuellen Lebensvollzugs. Von Friedrich Schiller gibt es dieses Zitat, wonach der „Mensch eigentlich erst Mensch wird wenn er spielt“. Vielleicht ist ja das damit gemeint. Der Fußball ermöglicht in dieser Hinsicht vielleicht tatsächlich ein ‚höheres‘ Sein. Nicht nur die ästhetischen Aspekte des Spiels, (die Ballführung mancher Spieler ist geradezu von einer zauberhaften Zartheit), nein, weil uns der Fußball in andere Zusammenhänge stellt, die entbunden sind vom Zwang der individuellen Bewährung, und stattdessen die Unmittelbarkeit des Gefühlslebens in Gemeinschaft ermöglicht.

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