Nacht

„Mächtige Nacht, in deinen sternenstrahlenden
Schoß bette ich mein Haupt:
So viele Wunder tat’st du schon an mir!
Mit deinem Fittich, der ins Unermess’ne taucht,
Umarme mich und sag‘ mir jenes Wort,
das trösten mich und stark soll machen –
Der Morgentraum ist blind ohn‘ dieses Wort
Und trostlos das Erwachen …
Stärke mich, sternenstrahlende,
Mächtige Nacht …

[…]

Des Morgens Atem fürchte ich,
Fürchte mich vor dem kühlen Hauche …
Wie nüchtern, ach, ist alles Erwachen!
Wie rohes Licht ersteht die Sonne vor dem Auge.
Wohin soll ich im Morgenlicht,
Das mir nur fremde Fluren zeigt?
Vor mir sind Ziele, die ich nie begehrt –
Mach‘ ich mich auf? Ich weiß die Straße nicht.
Am Tor des Morgens stürz‘ ich jäh zusammen,
Gebrochen von der Qualen Feuerflammen.
O, rufe mich zurück, begrab‘ in dir mich ganz,
Von ihrem schweren Weg zurück ruf‘ meine Seele
Ersterben soll in dir nun all ihr Glanz:
Stumm soll sie sein wie du,
Glanzlos wie du,
Totschwer wie du,
Traurige Nacht …“

(Renée Erdös: Die Nacht, Strophe 1u.3; Übers.: Johannes Mumbauer)

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