Peter Weiss: Abschied von den Eltern

In der autobiographischen Erzählung blickt der Autor zurück auf seine Kindheit, Jugend und sein Erwachsenwerden. Anlässlich des Todes seiner Eltern fragt er sich nach der Bedeutung dieser beiden „Portalfiguren“ für sein Leben. Als „peilend zwischen Aufruhr und Unterwerfung“ charakterisiert er seine Haltung ihnen gegenüber. Doch leider hat ein wirkliches liebevolles Miteinander nicht stattgefunden wie dem Autor am Beginn des Werkes schmerzvoll bewusst wird: „Bei ihrem fast gleichzeitigen Tod sah ich, wie tief entfremdet ich ihnen war. Die Trauer, die mich überkam, galt nicht ihnen, denn sie kannte ich kaum, die Trauer galt dem Versäumten, […]. Die Trauer galt der Erkenntnis eines gänzlich missglückten Versuchs von Zusammenleben, in dem die Mitglieder einer Familie ein paar Jahrzehnte lang beieinander ausgeharrt hatten.“

Das Buch ist jedoch weit mehr als eine Auseinandersetzung mit den Eltern. Es ist eine Entwicklungsgeschichte mit ihren Verirrungen und ihren Verletzungen. „So lernte ich zu leben, ich weiß, etwas fehlte, ich tappe herum und suche, ich wimmere und schreie, und ich finde es nicht, ich wachse, ich reife, und die Bewegungsfreiheit wird mir immer mehr eingeengt, ich wage kaum mehr zu suchen, stoße mich überall an den Begrenzungen und verkrieche mich. […] Ich mache es mir heimisch in dem großen Mangel, in der Krankheit der Enttäuschung, der Machtlosigkeit und des Misstrauens. Und in der Tiefe leben die ungestillten Wünsche fort.“ Dabei geht die Entwicklung weg von einem als normgebend, starr und erstickend empfundenem Elternhaus und hin zu einem Leben als Künstler. Die Jugend des Ich-Erzählers besteht in diesem ständigen Kampf zwischen der normsetzenden Kraft der Gesellschaft, Erziehung (verkörpert durch die Eltern) und dem Hineinwachsen in eine neue Freiheit. Thematisch erinnert viel an Bücher von Hermann Hesse, der in Weiss‘ Biographie eine nicht unerhebliche Rolle spielte. Sehr lesenswert!

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